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Wahrheit, was ist das?

Als ich ein Kind, als ich Jugendlicher und als ich Erwachsener war, war Wahrheit ganz eindeutig.
All die Zeit gab es zwar innerliche Widerstände gegen das, was von außen mir als Wahrheit zugetragen wurde oder was ich selber als Wahrheit unumwunden empfand, jedoch die kritische Reflexion war immer kleiner als das Bedürfnis etwas für wahr zu empfinden – es ist ja auch einfacher eine Wahrheit, die vermeintlich eineindeutig ist, zu akzeptieren als sie zu hinterfragen.
Auch die Menschen mit denen man aufwächst, zusammen ist, zu denen man Beziehungen entwickelt, spielen eine Rolle für das, was man wahrhaben will. Wenn die Realität nicht den innerlichen Empfindungen oder Glaubensausrichtungen entspricht, versinkt die Verstandeswelt, vor allem aber die Emotionalität, mit der man vorher Entscheidungen gefällt hat und sie als richtig wähnte, in ein Chaos. Dieses Chaos ist aber nicht nur eine ungeordnete Ordnung, sondern es ist eine Leere.
Ich hatte mehrere fundamentale Veränderungen meines Denkens in meinem Leben.
Die erste fand statt nach dem 2. Juni 1967 (Tod von Benno Ohnesorg). Danach löste ich mich von den bis dahin wichtigen Einflüssen durch meinen Vater. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich
vorher das Sprachrohr der Meinungen dieses Mannes war. Noch in der Diskussion am Arbeitsplatz, wer denn Schuld habe am Tod von Benno Ohnesorg, weiß ich genau, dass sich gegen die Mehrzahl der Diskutierenden einfließen ließ, dass die Polizei mit Recht in dieser
Weise eingegriffen haben musste. Und das war durchaus die Meinung meines Vaters, er hatte sie nicht explizit ausgedrückt, jedoch hatte ich keinen Zweifel daran, dass das seine Meinung
gewesen sein musste.
Den Einfluss meines Vaters belegt auch mein Widerstand (ein halbes Jahr zuvor) nicht in die Gewerkschaft einzutreten, mit der Begründung, die von meinem Vater sein könnte (der ein
„Trittbrettfahrer“ war, also nicht in der Gewerkschaft war aber von den Tarifverträgen profitierte), „Meine Interessen kann ich besser selber vertreten als sie das könnte.“(Worin ein Großteil Hochmut und Arroganz zum Vorschein kam).
In der folgenden Periode von circa zweieinhalb Jahren, festigte sich meine Vorstellung von Wahrheit sehr massiv. Ich bekam Informationen und Wissen von denen bzw. dem ich vorher
keine Ahnung gehabt hatte. Ich war neugierig, wissbegierig und so war es kein Wunder, dass sich in dieser Zeit mein Wissen um ein Vielfaches vermehrte. Ich traf Leute, die Kombinationen in ihren Gedanken und Konsequenzen daraus mir vortrugen, so dass sich
verblüfft darüber war, früher ähnliches noch nicht gedacht zu haben. Heute würde man sagen, das war wie eine Frischzellenkur des Verstandes.
Die Neugierde und Überraschung der neuen Informationen führten auch dazu, dass aus jetziger Zeit betrachtet, die Kritikfähigkeit sich hier noch nicht ausbildete. Also ich war noch nicht in der Lage zu relativieren, ich war noch nicht in der Lage zu beurteilen ob etwas was mir plausibel dargestellt wurde auch plausibel inhaltlich war.
Mir reicht es zu diesem Zeitpunkt, einfach wissen auf Wissen zu stapeln, ohne dieses Wissen zu reflektieren, das heißt zu hinterfragen. Damit ging mir ein wichtiger Punkt von Wahrheits-
Wahrnehmung abhanden.
So traf mich also am 9. November 1989 ein gewaltiger Schock als das von mir doch am positivsten bewertete System scheinbar plötzlich aufgab.
Danach hatte sich die Welt für vollkommen verändert – für mich!
Was vorher in schönen definierten Schubladen klar war, also Wahrheit war, zumindest für mich, stellte sich plötzlich als infrage zu stellen heraus. Kein Part, der sonst von mir brillant gezeichneten Weltpolitik war plötzlich genau interpretierbar. Allgemeine Schwarzweiß-Vorstellungen von den Dingen um mich herum begannen plötzlich auch Grautöne anzunehmen und damit ihre Eindeutigkeit zu verlieren. (Später erfuhr ich: „die Eule der
Minerva fliegt erst in der Dämmerung…“ – es relativiert nicht die Erkenntnis, sondern setzt nur die Voraussetzungen neu und gibt zu verstehen, das Grau nicht unbedingt Unwahrheit sein muss und dass es keine weiße Wahrheit und keine schwarze Nicht- Wahrheit gibt –
Wahrheit also mehr als ein richtiges ist.)
Gerade der Übergang von etwas in nichts oder von nichts in etwas, also das Entstehen, sich verändern oder Vergehen muss in die Betrachtung von Wahrheit entschieden mit einbezogen werden, weil an diesen Schnittstellen die Lüge und nicht Lüge überhaupt erst deutlich wird.
Also der 9. November 1989, wo ich auch noch um circa 19:10 Uhr Live den Untergang der DDR erlebte war für mich kein Glücksmoment. Es zerbrach, so wenig ist die DDR kannte, ein
Alternativmodell für die Bundesrepublik, also für eine mögliche politische Zukunft.
Ich bin zwar nicht ausgewandert nach Poona, wie ich später in einem Gedicht als mögliche Optionen für Intellektuelle vorausgesehen habe (was auch tatsächlich nach den 68er Jahren von einigen frustrierten Aktivisten praktiziert wurde – wobei „Poona“
immer steht für Rückzug auf das Individuelle – Guru ist mein Führer). Für mich jedoch war mein Rückzug, mich aus vorwitzigen politischen Diskussionen herauszuhalten. Ich wusste nicht mehr, was auf der
Welt richtig wahr und falsch.
Ganz nebenbei fing ich an Gedichte zu schreiben, belangloser erst. Gab es jedoch Zuhörer, die meinten, es wäre nicht uninteressant, was ich von mir gäbe, so wurde ich ernsthafter mit dem was ich schrieb. Ja, ich verfasste seitdem, also innerhalb von circa 20 Jahren weit über 500 Buchseiten Gedichte. Im zweiten (dem ersten professionell gestalteten Band) Band hatte ich einen Untertitel, der mir wirklich wichtig war: „Eine Suche nach Wahrheit“.
Wieder wollte ich versuchen die Wahrheit als ein Lebenselixier, die Wahrheit als das Ultimaratio, die Wahrheit als das endgültige zu entdecken (soeben erscheint mir das wie die Suche nach Gott).
Wäre Gott Wahrheit, wäre, wenn seine Existenz wahr wäre, auch Wahrheit eindeutig.
Nun ist mir das aber nach all den Erfahrungen, die ich bisher gesammelt habe zu wenig und wie ich ein wenig oberhalb in Klammern schon formuliert habe, gibt es doch etwas mehr als
eine Eindeutigkeit – Grauheit lässt einen Gott nicht zu, sondern eher „Fuzzy Logik“. Wahrheit bedarf des Verstandes, der die Regeln, die für ein menschliches Zusammenleben notwendig sind als Priorität in den Vordergrund stellt (man kann es auch Ethik nennen).
Nun bin ich also endlich beim Verstand gelandet, den ich auch vorher schon verdächtigt hatte, mich ständig zu beeinflussen. Doch, da der Verstand mir gehört, schließe ich momentan spontan daraus, dass auch die Ergüsse dieses Organs mir gehören (Vernunft!).
Es geht weiter nur eine Weile…

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